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Z-Wave Alliance: Christian Pätz über die Zukunft des Smart Home

by tobias20. Dezember 2016

Seit über 15 Jahren spricht man über intelligentes Wohnen bzw. Smart Home. So richtig durchschlagenden Erfolg konnte es bisher jedoch nicht verbuchen. Auch die Revolution blieb bisher aus. Professor Christian Paetz von der TU Chemnitz, seines Zeichens Europäischer Sprecher der Z-Wave Alliance spricht über die Gründe – und blickt in eine smarte Zukunft.

Prof. Christian Pätz

Prof. Christian Pätz

In Expertenkreisen redet man schon seit den 1980er Jahren über diese Thema. Licht, Heizung, Klima, Verschattung, Alarm, Sicherheit, Haushaltgeräte, Kommunikation und Medien in einem geeigneten Netz miteinander zu verbinden? Das war zunächst eine futuristische Vorstellung. Von dieser Vision ist in den zurückliegenden Jahrzehnten technisch bereits einiges realisiert worden. Man denke nur an Breitband-Internet, mobile Endgeräte und die Art und Weise, wie wir heute normale Fernseher bedienen.

Die rasant fortschreitende Digitalisierung der letzten Jahre hat die Möglichkeiten nochmals potenziert. Zudem sind große IT-Unternehmen wie Google, Apple oder Amazon als neue Akteure im Markt aufgetaucht. Ein guter Indikator dafür, dass das Smart Home kurz vor dem Durchbruch eines gigantischen neuen Marktes steht.

Mit Blick auf den amerikanischen Smart Home Markt

Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf den US-amerikanischen Markt. Dort hat man bereits verstanden, dass der Großteil des potentiellen Marktes in Familienbeziehungen lebt. Deshalb entwickeln in Amerika amerikanische Ingenieure und ITler ihre Smart-Home-Lösungen insbesondere für Einfamilienhäuser. In Deutschland hingegen hat man noch nicht ganz begriffen, welche Zielgruppe man eigentlich ansprechen müsste.

Eine typische Smart-Home-Werbung in Deutschland geht heute etwa so: Ein gut gelaunter Yuppie verlässt seine Wohnung und freut sich, dass sich die Heizung automatisch runterregelt. Ein anderer gut gelaunter Yuppie ist glücklich darüber, dass er mit seinem Handy seine Wohnungstür öffnen und auch wieder verschließen kann. In Deutschland wird also besonders coole, gut designte Technik verkauft, die hip sein und das Leben ein bisschen erleichtert soll.

©nuki Türschloss- Pressebilder

©nuki Türschloss- Pressebilder

Für dieselben Produkte ist der Werbeansatz in Amerika indes ein ganz anderer: Die kleine Tochter kommt nachhause, das Türschloss registriert, wessen Handy die Tür öffnet und gibt diese Info an Papa weiter. Dieser befindet sich an seinem Arbeitsplatz und weiß nun, dass seine Tochter am späten Nachmittag wohlbehütet von der Musikschule zurück gekehrt ist. Subtext: Zuhause ist alles gut. Größter Unterschied zwischen beiden Ansätzen: Der „Yuppie“-Markt ist überschaubar, der Familienmarkt hingegen gigantisch.

©netatmo welcome - Pressebilder

©netatmo welcome – Pressebilder

In Amerika werden aus diesem Grund vor allem Familienväter angesprochen, die nicht nur stärker auf Themen wie Sicherheit oder Mediennutzung achten, sondern auch ihre Heizkosten im Rahmen halten müssen.

Der Familienmarkt: Kompliziert, aber lukrativ

Smart Home Lösungen für Familien abzubilden, ist natürlich ungleich schwieriger, denn hier treten viel komplexere Szenarien auf: Wie regelt man x verschiedene Smart-Home-Anwendungen in einem Haus, wenn von den beiden Kindern eines um 8.30 Uhr aus dem Haus geht, das andere vielleicht erst gegen 10 Uhr? Plötzlich steht die Großmutter mal wieder unangemeldet vor der Tür – was dann? Ganz zu schweigen von der Katze, die mehrmals am Tag durch den Bereich des Bewegungsmelder läuft.

Nehmen wir aber zum Beispiel den Internet-Router. Ein sehr erfolgreiches Produkt, das mittlerweile gar nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken ist. PCs, Smartphones, Tablets, Fernseher können einen Router ebenso einfach aktivieren wie Telefone und Menschen. Und das, obwohl die Technik und die Prozesse, die in einem solchen Router stecken, unheimlich kompliziert sind.

Letztlich zählt doch nur, dass die Menschen sich durch ihn eine Verbesserung ihrer Lebensqualität versprechen, dass sie ihn relativ preiswert in jedem Elektronikkaufhaus kaufen und darüber hinaus recht schnell und einfach selbst installieren können. Die Nachfrage steigt immer mit dem Angebot guter Produkte und Lösungen.

Ein gigantischer Markt mit vielen Angeboten

Es gibt mittlerweile Sensoren, die jeder an die Wand kleben und mit einem Gerät verbinden kann. Dann geht beispielsweise automatisch der Rollladen runter. Ermöglicht wird das auch durch digitale Entwicklungen, mit der Unternehmen wie Panasonic, Sony, Samsung, Apple oder Google in den Installationsmarkt eingedrungen sind. Mit herkömmlichen Installationstechniken haben diese nur wenig zu tun.

Neben etablierten und neuen Herstellern drängen auch immer mehr Telekommunikationsunternehmen wie die Deutsche Telekom oder auch Vodafone mit eigenen Angeboten in das Smart Home Segment. Der Nachteil ist offensichtlich: ein schier
unüberschaubarer Markt. Dies stimmt allerdings nur zum Teil.

Einerseits ist der Markt erst durch die Vielzahl neuer Akteure entscheidend vorangekommen. Entwicklungstreiber sind hier vor allem die Geräteanbieter, aber auch Firmen, die Kunden längerfristig an sich binden wollen. Andererseits überleben viele Smart Home Pläne die Realität nicht, denn: Letztlich ist die Installation von komplexen Anwendungen nicht ganz so einfach.

Wir reden eben nicht nur über einen Bewegungsmelder. Komplizierter wird es, wenn mehrere Abläufe untereinander zu koordinieren sind. Hinzu kommt, dass viele Produkte untereinander derzeit nicht kompatibel sind. Die Branche ist von gemeinsamen technischen Standards noch weit entfernt. Auf der letzten Internationalen Funkausstellung (IFA) präsentierte fast jeder Hersteller mal mehr, mal weniger sinnvolle Smart-Home-Angebote der Marke Eigenbau: Apple, Microsoft, LG, Google, Sharp, Loewe, Panasonic, IBM, Sony, Medion, Devolo, O2 und so weiter.

Apple als schlechtes Beispiel

Apple ist hierbei ein exzellentes Beispiel dafür, wie Erwartungshaltungen geschürt werden, die in der Realität dann nicht gehalten werden können. Apple, der Gigant der Elektronikbranche, trat vor zwei Jahren auf und kündigte großspurig an, die Smarthome-Branche revolutionieren zu wollen. Wir bringen „Reality to the marketplace“, lautete damals der Slogan. Bis heute ist die Revolution ausgeblieben.

Große Unternehmen leisten sich effektvolle PR-Kampagnen. Journalisten sollten mit solchem Brimborium indes vorsichtig umgehen und nicht alles ungefiltert übernehmen. Leider passiert dies viel zu oft. In den online- wie offline-Massenmedien herrscht eine teils erschreckende Ahnungslosigkeit in Sachen Smart Home.

Die Gefahr für die Handwerksbranche

Doch auch in der Hardware-Branche erkennen bisher nur wenige, dass auch die Smart Home Welt schon bald ihre eigenen „Champions“ hervorbringen wird – und das dieser nicht unbedingt einen populären Namen tragen wird. Hier ist davon auszugehen, dass es mit dem Smart Home ebenso gehen wird, wie seinerzeit mit dem PC.

Anfangs verkauften nur wenige PC-Händler an Privatkunden, sondern fokussierten sich mehr auf den IT-Mittelstand. Plötzlich aber schoss die Zahl der PC-Händler in Deutschland binnen weniger Jahre auf 15.000 hoch. Die meisten dieser Händler waren keine PC-Experten. Einige wurden das vielleicht während eines jahrelangen Prozesses. Die PC-Händler haben jedoch die traditionellen Büroausstatter, die Verkäufer von mechanischen und elektronischen Schreibmaschinen, die diesen Trend nicht erkannt hatten, komplett verdrängt.

Fußbodenheizung im Smart Home Bild: fotolia.com

Fußbodenheizung im Smart Home
Bild: fotolia.com

Die Handwerksbranche sollte hier seine Chancen viel stärker erkennen. Die Verbände sollten stärker unabhängige Ausbildungen anbieten. Ein denkbar schlechtes Szenario: Es könnte passieren, dass Handwerksbetriebe zu Subunternehmern marktbeherrschender Technologiekonzerne degradiert werden. Noch sind relativ wenige Smart-Home-Firmen im riesigen deutschen Markt aktiv – und die großen Technologiekonzerne bekämpfen sich noch gegenseitig.

Der Installationsbereich wird momentan vor allem von Quereinsteigern besetzt. Wenn das traditionelle Handwerk zukünftig Schritt halten will, muss es über althergebrachte Blaumann-Vorstellungen hinaus denken und neue Kapazitäten aufbauen. Die Chancen sind groß: Smart-Home-Systeme gehen bspw. teils mit langfristiger und starker Kundenbindung durch Wartungsverträge, Service und fortlaufender Beratung einher. Einnahmen werden so stärker kalkulierbar.

Wer aber im Smart-Home-Bereich mit von der Partie sein will, muss Sachverstand im Umgang mit Computern aufbauen und einen stärker beratenden Umgang mit den Kunden lernen. Smart Home verlangt intensivere Gespräche mit den Kunden und auch intensivere Beratung. Das bedeutet mehr Kommunikation am Telefon und auch routinierter Umgang mit elektronischen Komponenten und IT.

Sensibles Thema: Datenschutz und Hacker-Angriffe

Einen großen Vorteil dürften viele Handwerker dabei haben: Sie haben eine gesunde Bodenhaftung und erliegen nicht so schnell dem Hochmut mancher IT-Experten und -entwicklungen. Handwerker wissen und akzeptieren in der Regel auch, dass Häuser und Wohnungen sehr komplexe und auch intime Objekte sind. Die eigenen vier Wände sind nunmal grundgesetzlich geschützt – und viele Konsumenten haben starke Bedenken gegen die Datenerhebung die mit Smart-Home-Lösungen einhergehen. Alle Hersteller und Akteure im Smart-Home-Bereich tun übrigens gut daran, das zu akzeptieren.

Bei Smart-Home-Anwendungen fallen jedoch stets Daten an. Darauf reagiert der Kunde überwiegend emotional und möchte für gewöhnlich nicht, dass seine Nutzerdaten in einer nicht greifbaren Cloud gespeichert werden – oder dass er gar „gläsern“ wird. Er will die Kontrolle über seine Daten behalten. Deshalb wird momentan bspw. ein Speicherprodukt entwickelt, das die Smart-Home-Nutzerdaten zuhause beim Kunden in der Wohnung speichert.

In diesen Fragen muss dem Kunden mehr Sicherheit und Orientierung geboten werden. Auf politischer Ebene beginnt der Gesetzgeber deshalb gerade, über die Einführung von Sicherheits-Labels nachzudenken, die transparent machen, welche Geräte, Anbieter und Lösungen sicher und welche weniger sicher sind. Das ist sehr begrüßenswert.

In diesem Kontext fällt ebenfalls die Frage nach der Anfälligkeit für Smart Home Lösungen gegenüber Angriffen von außen. Hierzu sei gesagt: Jedes nach außen vernetzte IT-System ist angreifbar. Aber das Interesse von Hackern an diesen Anwendungen dürfte im privaten Bereich sehr gering sein. So bestätigt das LKA NRW zum Beispiel, derzeit keinen einzigen Fall eines Angriffs auf einen elektronischen Schließzylinder registriert zu haben. Solcherlei Angriffe sind anspruchsvoll, aufwendig und dürfte für Einbrecher recht nervig sein. Wenn die wollen, gehen die mit der Brechstange los. Smart-Home-Anwendungen sind aber in der Lage, solche Brachialeinbrüche sofort an den Wohnungs- oder Hauseigentümer und an die Polizei zu melden.

About The Author
tobias
Tobias ist News-Redakteur auf siio.de und privat mondäner Hausherr einer Z-Way-Installation mit HomeKit-Anbindung - Hallo aus Berlin.
  • Gerhard
    24. Januar 2017 at 13:30

    Die Yuppie/ Familienthematik sehe ich genauso.
    Ich glaube aber das wesentliche Problem von Smarthome ist die Zuverlässigkeit und Kundenfreundlichkeit der Produkte.
    Wenn ich mit heute einen SmartTV kaufe kann ich den normaerweise selbst einrichten. Danach kann ihn jedes Familienmitglied bedienen und das bleibt auch so. Kann ich es nicht, dann kann es der Fachhändler und wenn das Teil nicht funktioniert oder neue Features sich nicht automatisch installieren (neben Amazon gibt es plötzlich ein Netflix Icon, da weiß jeder das ich ab heute Serien schauen kann) ruf ich den an.
    Wenn aber ein 12 Stunden arbeitender Familienvater vor dem späten Abendessen von seiner Frau genervt wird, weil sich den ganzen Tag die Heizung nicht so einstellen ließ wie man will, weil ständig eine Regel drübersteuert oder ein Virtuelles device nach update der Zentrale seinen Dienst nicht mehr tut, ist schnell Schluss mit lustig. Da kannst du für alles Geld der Welt auch niemand anrufen der das mal schnell repariert, da muss du selber ran oder was meist passiert, die manuellen Thermostate wieder montieren.
    Somit bleibt Smarthome nur ein Markt für interessierte und leidensfähige Freeks. Klar so fängt es immer an, aber das der Durchbruch irgendwann demnächst bevor steht kann ich nicht sehen und deswegen wird das auch nichts für Goggle, Apple, Bosch etc. sondern Fibaro, Tado und sonstige Fundraising Projekto. So lassen sich keine Trends generieren.
    Weniger aber sicher funktionierend wäre hier mehr.
    Eine Bekannte hat sich vor 5 Jahren in den Fenstern liegende Jalousien für 30.000 Euro gekauft. Jetzt sitzt Sie bei Nebel mit halbgeschlossenen Jalousien da, weil Sie Angst hat das Sie die nicht runter fahren kann wenn die Sonne rauskommt und dann die Hitze zuschlägt, bei Ihren großen Fensterflächen.
    Der Smarthomekunde ist definitiv verloren.

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